Heimarbeit – Top oder Flop in der Arbeitskultur?

Heimarbeit – Top oder Flop in der Arbeitskultur?

 

Es gab Zeiten, in denen die Heimarbeit als das Arbeitsmodell der Zukunft schlechthin gehandelt wurde. Es wurde erklärt, dass es das Büro in seiner jetzigen Form in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr geben wird und die Menschen einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Home-Office verbringen werden.

Dank der technischen Möglichkeiten würde es letztlich keinen Unterschied machen, ob ein Arbeitnehmer im Nebenraum oder eben ein paar Straßen weiter in seiner Wohnung sitzt und auch der große Wunsch nach der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ließe sich durch Heimarbeit einfacher erfüllen. In der Praxis zeichnet sich aber ein anderes Bild ab.

Und dabei sind es erstaunlicherweise nicht nur die Arbeitgeber, die von der Heimarbeit nicht allzu begeistert sind – auch immer weniger Arbeitnehmer möchten von zu Hause aus arbeiten.

 

Heimarbeit – Top oder Flop in der Arbeitskultur?

Unsere Spitzenpolitiker glauben fest an die Zukunft der Heimarbeit. Sigmar Gabriel, Vizekanzler und Superminister, erklärte, dass er seine kleine Tochter jeden Mittwoch aus der Kita abholen werde. Ursula von der Leyen, Mutter von sieben Kindern, möchte auch in ihrer neuen Funktion als Verteidigungsministerin „viel von zu Hause aus steuern“.

Familienministerin Manuela Schwesig, Mutter eines kleinen Sohnes, sagte in einem Interview, dass Berlin zwar ihr Dienstsitz sei, ihr Lebensmittelpunkt aber weiterhin Schwerin bleiben werde. Und was unsere Spitzenpolitiker dürfen, soll für alle Arbeitnehmer gelten.

Dieser Meinung sind zumindest Arbeitsministerin Andrea Nahles, die Mutter einer Tochter ist, und auch Dorothee Bär, ihres Zeichens Staatssekretärin im Verkehrsministerium und Mutter von drei Kindern. Gleichzeitig kritisieren die beiden den „Anwesenheitswahn“ und die „Präsenzkultur“, die in deutschen Unternehmen herrschen.

In der Realität scheinen sich aber nicht allzu viele Arbeitnehmer die Spitzenpolitiker tatsächlich zum Vorbild nehmen zu wollen. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass die Anzahl derer, die überwiegend, manchmal oder zumindest hin und wieder von zu Hause aus arbeiten, den niedrigsten Stand seit rund 20 Jahren erreicht hat. Vor allem seit 2008, dem Jahr, in dem die Wirtschafts- und Finanzkrise ihren Anfang nahm, sinkt die Zahl der Heimarbeiter stetig.

Warum sich die Heimarbeit nicht so richtig durchsetzen kann, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Ein Grund könnte sein, dass sich in der Industriegesellschaft eben eine Präsenzkultur etabliert hat. Folglich müssen sich die Unternehmen erst an neue Strukturen gewöhnen und lernen, ihren Mitarbeitern auch dann zuverlässige Arbeit zuzutrauen, wenn sie außerhalb des Betriebs arbeiten.

Ein anderer Grund könnte sein, dass viele Arbeitnehmer das Gefühl haben, ihr Arbeitsplatz sei sicherer und ihre Karrierechancen wären besser, wenn sie ihren festen Arbeitsplatz im Unternehmen haben und an diesem Arbeitsplatz auch täglich anzutreffen sind. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen mittlerweile Zeitkonten eingerichtet haben und flexible Arbeitszeitmodelle anbieten.

Dies macht es leichter, betriebliche Interessen und persönliche Bedürfnisse aufeinander abzustimmen. Um mehr Freizeit zu haben oder mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können, ist dann nicht mehr unbedingt notwendig, von zu Hause aus zu arbeiten. Möglicherweise ist es aber auch einfach so, dass viele Arbeitnehmer gar nicht zu Hause arbeiten möchten.

Weil sie festgestellt haben, dass Heimarbeit ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Weil sich bei Heimarbeit Berufs- und Privatleben zu sehr miteinander vermischen. Oder weil sie es gerade gut finden, durch ihren Job rauszukommen und eben nicht nur zu Hause zu sein.  

 

Die Trends in der Arbeitskultur

Insgesamt lassen sich zwei große Tendenzen feststellen. Auf der einen Seite ist es vielen Arbeitnehmern wichtig, dass es eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gibt. Auf der anderen Seite wünschen sich viele mehr Flexibilität, wenn es um die Arbeitszeiten und auch um den Arbeitsort geht. Deshalb finden es gerade jüngere Arbeitnehmer gut, wenn sie gelegentlich auch einmal von zu Hause aus arbeiten können.

Allerdings soll es hierzu nach Möglichkeit keine starren Regelungen geben, also dass beispielsweise an bestimmten Wochentagen das Home-Office dran ist. Stattdessen sollte die Arbeit je nach Aufgabe, Bedarf und Situation ins heimische Büro verlegt werden können.

Dies liegt auch daran, dass es gerade jüngeren Arbeitnehmern sehr wichtig ist, sich jederzeit mit anderen Kollegen austauschen zu können. Modern strukturierte Unternehmen setzen zudem auf häufige Meetings, in denen Abläufe, Aufgaben und Projekte besprochen und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Solche Strukturen lassen sich jedoch kaum mit Heimarbeit in Einklang bringen.

Als Fazit lässt sich vielleicht ziehen, dass Heimarbeit durchaus sinnvoll sein kann. Jedenfalls dann, wenn klar definierte Aufgaben anstehen und es sich um eine Tätigkeit handelt, die der Arbeitnehmer ohnehin alleine erledigt. Und wenn sich sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer darüber im Klaren sind, dass Heimarbeit nicht langsamer oder qualitativ schlechter sein muss als die Arbeit vor Ort, sondern ganz im Gegenteil bisweilen sogar mehr Konzentration und Einsatz erfordert.

Spätestens dann, wenn die Arbeitsergebnisse aber zu einem Ganzen zusammengeführt werden sollen, wird es ohne Präsenz vermutlich nicht gehen. Zumal der Chef oft nicht nur Chef im Sinne einer Führungskraft, sondern ein Stück weit auch Vorbild ist.

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