Arbeiten die Deutschen wirklich zu wenig?
Ein Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergab, dass die Gesamtarbeitszeit hierzulande deutlich geringer ist als in unseren Nachbarländern. Bundeskanzler Friedrich Merz nahm dieses Ergebnis zum Anlass, um mehr Arbeitseinsatz zu verlangen. Aber ist diese Forderung berechtigt? Arbeiten die Deutschen wirklich zu wenig? Müssen wir tatsächlich das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit überdenken?

Inhalt
Die Zahlen des Berichts
„Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten. Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, stellte Bundeskanzler Friedrich Merz unlängst fest.
Der Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft scheint diese Ansicht zu unterstützen. Denn im Vergleich zu vielen anderen Ländern wird in Deutschland tatsächlich eher wenig gearbeitet.
In dem besagten Bericht verglich das IW die Daten zur durchschnittlichen Arbeitszeit pro Jahr in verschiedenen Industrieländern. Als Quelle für die Zahlen aus dem Jahr 2023 diente eine Statistik der OECD.
Demnach arbeiten die Menschen in Deutschland im Durchschnitt 1.343 Stunden pro Jahr, während der OECD-Durchschnitt pro Person bei 1.743 Arbeitsstunden jährlich liegt.
Auf den ersten Blick arbeiten wir hierzulande also tatsächlich deutlich weniger als unsere Nachbarn.
In Europa ist Griechenland mit 1.897 Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr das Land mit den meisten Arbeitsstunden. Aus dem IW-Bericht geht außerdem hervor, dass sich die Anzahl der Arbeitsstunden der Bewohner im erwerbsfähigen Alter in Ländern wie Griechenland, Polen oder Tschechien deutlich erhöht hat. Im Unterschied dazu ist sie in Deutschland gleich geblieben.
Allerdings weist die OECD unter ihrer Grafik auf einen wichtigen Sachverhalt hin. So heißt es dort:
„Die Daten sind für Vergleiche von Trends im Zeitverlauf gedacht; für Vergleiche des Niveaus der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit für ein bestimmtes Jahr sind sie wegen der unterschiedlichen Quellen und Berechnungsmethoden nicht geeignet.“
Das heißt unter anderem, dass die Erfassung der Arbeitszeiten nicht überall nach den gleichen Kriterien und mit der gleichen Zuverlässigkeit erfolgt. Außerdem unterscheidet die Statistik nicht zwischen Vollzeitstellen, Teilzeitstellen und Minijobs.
Kritik am Bericht
Die Einschränkungen, auf die die OECD ausdrücklich hinweist, werden im IW-Bericht aber weder erwähnt noch berücksichtigt. Darauf zielt auch die Kritik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ab.
Einer der Kritikpunkte lautet, dass allein die Anzahl der Arbeitsstunden pro Einwohner im erwerbsfähigen Alter noch nichts darüber aussagt, ob in Deutschland genug und ausreichend effizient gearbeitet wird.
So hat das IW zum Beispiel nicht berücksichtigt, wie produktiv die geleisteten Arbeitsstunden sind. Doch genau hier erreicht Deutschland im europäischen Vergleich einen überdurchschnittlich hohen Wert.
In Deutschland wird schon seit vielen Jahren sehr effizient gearbeitet.
Außerdem ist es völlig normal, dass sich die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf in einem hochproduktiven Land wie Deutschland nicht so stark erhöht wie in Ländern, die weniger produktiv sind und in ihrer Wirtschaftskraft erst allmählich aufholen.
Vergleichsstatistiken belegen, dass in solchen Ländern die Arbeitsproduktivität ein stärkeres Wachstum verzeichnet als in Ländern, in denen das Produktivitätsniveau schon lange höher ist.

Andere Situation auf dem Arbeitsmarkt
Kritik wird auch deshalb laut, weil der Bericht des IW nicht zwischen Arbeit in Voll- und Teilzeit unterscheidet. Doch genau an diesem Punkt sieht es hierzulande anders aus als in vielen unserer Nachbarländer.
Die Arbeitsstunden in Vollzeit haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar nicht geändert. Aber anders als bei vielen unserer Nachbarn ist der Anteil an Arbeitnehmern in Teilzeit gestiegen.
Das gilt vor allem für Frauen, die keine andere Wahl haben, als beruflich kürzerzutreten, weil sie sich wegen fehlender Kitaplätze neben dem Job auch um die Kinderbetreuung kümmern müssen.
Schauen wir uns an, wie hoch die Beschäftigung in Deutschland insgesamt ist, kommt noch ein weiterer Faktor dazu, auf den weder das IW noch Bundeskanzler Merz eingegangen sind. So ist die sogenannte Erwerbsbeteiligung hierzulande ebenfalls gestiegen.
Insbesondere bei der Generation Z ist die Erwerbsbeteiligung junger Leute auf einem Höchststand. Heute sind in Deutschland also mehr Menschen berufstätig als früher. Nur arbeiten eben nicht alle in Vollzeit.
Auch der Krankenstand ist zwar gestiegen. Allerdings dürfte das in erster Linie mit der besseren Erfassung zusammenhängen. Denn durch die elektronische Krankschreibung fallen die gelben Zettel nicht mehr ohne Weiteres unter den Tisch.
Müssen wir also mehr arbeiten?
Viele Experten sind sich darin einig, dass das Problem nicht darin besteht, dass es den Deutschen an Leistungsbereitschaft oder Arbeitsmoral mangelt. Stattdessen ist es vielen Leuten einfach nicht möglich, mehr zu arbeiten.
So zum Beispiel, weil es zu wenige Angebote für die Kinderbetreuung oder die Pflege älterer Angehöriger gibt.
Die geforderte Kraftanstrengung müsste also in Wahrheit darauf abzielen, endlich Lösungen für die strukturellen Probleme zu finden, die schon seit Jahrzehnten bekannt sind.
Erschwerend kommt dazu, dass der demografische Wandel schon heute zu einer schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt führt. Denn ältere Arbeitnehmer und Beamte aus den geburtenstarken Jahrgängen der sogenannten Boomer treten zunehmend ihren Ruhestand an.
Die nachfolgenden Generationen können die entstehenden Lücken aber nur zum Teil schließen, weil diese Jahrgänge schlichtweg geburtenschwächer waren.
Das ändert aber nichts daran, dass umfangreiche Reformen notwendig sind, etwa beim Renteneintrittsalter, aber auch bei der Förderung der Arbeitsmigration und der Erwerbsbeteiligung von Ausländern, die schon in Deutschland leben.
Problematisch ist zudem die sogenannte Minijob-Falle. Viele Frauen, die nach der Geburt eines Kindes eine geringfügige Tätigkeit aufnehmen, stecken auch Jahre später noch in diesem Minijob fest. So geht viel Potenzial für Arbeit in größerem Umfang verloren.
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